Common Data Environment oder Dokumentenablage?

Ein Wandoberfläche ist im Projekt als «Sichtbeton» beschrieben. Diese Angabe steht sowohl im Fliesstext zur BKP-Position 211, als auch im Modell, in Plänen und in der Ausschreibung, an mehreren Stellen in mehreren Dokumenten.
Dann ändert sich das Projekt. Aus Sichtbeton wird Verputz. Jemand trägt die Änderung in einem der Dokumente nach. Die anderen bleiben, wie sie sind.
Jeremias Burch, Mitgründer der Evolut Bau GmbH und Gastgeber von «BIM Kaffi», beschreibt dieses Muster in der dritten Folge von «BIM Espresso» so: «Die Info steht halt dreimal irgendwo drin und wahrscheinlich noch unterschiedlich.» [1] Sein Befund: «Ich sehe, dass praktisch alle Projektplattformen, die in der Baubranche eingesetzt werden, für mich keine gemeinsamen Datenumgebungen sind, sondern gemeinsame Dokumentenablagen, bei denen man ein PDF, ein IFC, ein DWG ablegen kann.» [1]

Warum reicht eine Dokumentenablage nicht?
Man kann etwas hochladen, taggen, mit einem Datum versehen. Aber niemand findet mehr etwas.
Das Problem liegt in der Granularität. Dokumente bündeln Information auf Dokumentebene, nicht auf Ebene des einzelnen Werts. Wer eine Angabe ändert, müsste eigentlich jede Stelle einzeln nachführen, an der diese Angabe auch steht. In der Praxis passiert das kaum vollständig, weil niemand eine verlässliche Liste hat, wo die Werte stehen.
Selbst eine KI, die die Dokumente durchsucht, kann das nicht auflösen. Sie weiss nicht, welche der mehreren Fundstellen aktuell ist, weil sie nicht weiss, was richtig ist. Sie kann nur wiedergeben, was irgendwo steht, auch wenn es sich widerspricht.
Ein verbreiteter Reflex ist der Modell-Freeze: Man legt einen Stichtag fest, ab dem das Modell als verbindlich gilt. Doch bei einem fünfstöckigen Gebäude ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich zwischen Freeze und Ausführung etwas ändert, das eigentlich nachgetragen werden müsste.
Etappenweise Freigaben pro Geschoss lösen das Problem allerdings nicht, sie verlagern es nur. Wie Jeremias im Gespräch feststellt, braucht das enormen Koordinationsaufwand, weil jedes Gewerk einzeln angeleitet werden muss, und am Ende landet man unter Umständen bei fünfzig Einzelmodellen allein für die Betonarbeiten. [1] Die Übersicht wird dadurch nicht besser, nur die Struktur komplizierter.
Wie verbreitet ist das Problem?
Thomas Wirth, Leiter VDC/BIM Baumeister Deutschschweiz bei Implenia, kennt die Folgen aus 25 Jahren Planungserfahrung, seit rund zweieinhalb Jahren zusätzlich aus der Ausführung. Unklare Aktualität ist für ihn ein Klassiker, den er in vielen Projekten wiederfindet: «Da steht hinten dran, aktuell, aktuell, aktuell, neu aktuell, aktuell mit Datum und so weiter. Und dann hast du fünf gleiche Phasen und weisst gar nicht, was ist jetzt wirklich aktuell.» [2]
Das bedeutet für ihn aber nicht, dass eine Versionierung im Dateinamen grundsätzlich falsch ist. Sobald ein Projekt die eigene CDE verlässt, etwa wenn Implenia Pläne an Lieferanten und Subunternehmer weitergibt, bleibt eine bewusst gesetzte Versionsnummer im Dateinamen für ihn weiterhin nötig, gerade weil diese Aussenstehenden nicht im selben System arbeiten. [2] Problematisch ist die unstrukturierte, beliebig wachsende Kette aus «aktuell», nicht das Prinzip der Versionierung an sich.
Thomas stellt aus der Ausführungsperspektive einen weiteren Punkt fest, der oft übersehen wird: Eine einzige CDE für ein komplettes Projekt, von der Vorprojektphase bis zum Betrieb, ist in der Praxis nicht realistisch. «Es gibt eine CDE für die Planung, vielleicht bis in die Ausführung, eine CDE auch für das Facility-Management. Und man muss alles sauber trennen, damit es für alle Beteiligte funktioniert.» [2] Sein Wunsch für die Zukunft: Lieferanten und Subunternehmern nicht mehr einzelne Files zuzuschicken zu müssen, sondern ihnen direkten, berechtigten Zugriff auf die jeweilige CDE zu geben. [2]
Wie sieht granulare Verantwortung konkret aus?
Ein Beispiel, an dem Jeremias selbst gerade arbeitet: Fenster. «Im Moment schauen wir Fenster an. Da sind 82 Attribute drin, die du für eine Fensterbestellung brauchst. Und es sind mindestens 5 Leute betroffen, um die Informationen überhaupt zusammenzutragen, die sie verantworten.» [1] Trotzdem landen alle diese Werte gesammelt in einem Dokument, das als Ganzes einen einzigen Freigabeprozess durchläuft.
Was das konkret bedeutet, zeigt sich am U-Wert eines Fensters. Dieser Wert kommt vom Bauphysiker, der ihn freigeben will oder muss. Heute steht er meist in einem globalen Energienachweis. Ändert sich das Projekt, wird oft nicht dieser eine Wert für sich aktualisiert, sondern das ganze Dokument neu abgelegt: «Du hast das Gefühl, dass du das gleiche Dokument nochmals ablegst. Aber es passiert viel mehr, viel feiner», so Jeremias. [1] Die Verbindlichkeit der einzelnen Änderung geht dabei unter.
Die praktische Unterscheidung, die daraus folgt: den einzelnen Wert am Bauteil freigeben, nicht das Dokument als Ganzes. Der U-Wert hängt dann am Modellelement, und der Energienachweis wird daraus generiert, statt der Ort zu sein, an dem der Wert ursprünglich entsteht. Die gängigen Autorenprogramme bieten dafür heute schon Custom-Properties. Es fehlt seltener an der Software, meist an der Disziplin, sie konsequent für genau diesen Zweck zu nutzen.
Wer diesen Wechsel vom Dokument zum Bauteil bereits in der Praxis vollzogen hat, ist Marcel Wyss, Leiter digitales Bauen bei bauvernetzt-Partner Hälg Group. Sein Team hat sich bereits 2020 das Ziel gesetzt, das Modell als Single Source of Truth zu etablieren, mit Informationen, die direkt am Bauteil hängen statt verstreut in Dokumenten. Marcel beschreibt, was bei den Kolleginnen und Kollegen passiert, die einmal angefangen haben, Mengen direkt aus dem Modell zu ziehen: «Die machen es einfach und es läuft und es ist gut und es funktioniert und die wollen nicht mehr zurück.» [3]
*Beteiligte Partnerfirma: Hälg Group. Zum Firmenprofil:
## Quellen
[1] «BIM Espresso» Folge 3, mit Jeremias Burch, Adi Widmer und Ivan Kolenda: Hören
[2] «BIM Kaffi» Folge 25, mit Thomas Wirth (Implenia): Hören
[3] bauvernetzt-Interview mit Marcel Wyss, Hälg Group



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