Allianz-Umbau an der Hafnerstrasse – was wir auf der Baustelle gelernt haben
- Timotheus Widmer

- 6. März
- 4 Min. Lesezeit
Pascal Scheidegger, Architekt und Projektleiter bei konzeptS, führt uns
durch ein Allianzprojekt: ein Denkmalschutzobjekt mit Ergänzungsneubau aus Holzelement und vorgesetzter Klinkerfassade. Fertigstellung: voraussichtlich im Herbst 2026 – ein gutes halbes Jahr früher alsursprünglich geplant.

Eine Gruppe von Fachleuten aus dem bauvernetzt-Netzwerk ist an diesem Nachmittag zusammengekommen, um authentische Inputs aus der Praxis zu hören: was läuft, was nicht läuft, und was man daraus mitnehmen kann.
Mit dabei: Irfan Aziri und Fabio Waldmeier von der BIM Bauplanung GmbH, Florian Schalko von Ghisleni Partner, Anne Nyffeler von SysTeamatik, Andreas Andermatt und Manuel Wick von der ASWE AG, Morris Müller von der Planikum AG, Marc Vögele von der Terradata AG, Marcel Wyss von Hälg & Co. sowie Thomas Rohrer-Peeters von Gruner Stein AG, Pascal Scheidegger von konzeptS AG, Jeremias Burch von der Evolut Bau GmbH
Was ist ein Allianzprojekt?
Ein Allianzprojekt kann verschiedene Formen haben. Beim Projekt Hafnerstrasse bedeutet das, dass Bauherrschaft, Planer und Unternehmer nicht gegeneinander, sondern miteinander arbeiten. Alle Beteiligten teilen Risiken und Chancen, Entscheidungen werden kollaborativ getroffen, und Kostentransparenz ist Voraussetzung, nicht Option.
Das Gegenteil des klassischen Modells, bei dem jede Partei ihre eigenen Interessen absichert, Nachträge als Einnahmequelle betrachtet und Probleme möglichst lange beim anderen parkiert.
Was das in der Praxis bedeutet, zeigt ein einfaches Beispiel: Der Sanitärinstallateur muss schwere Leitungen aus dem Gebäude bringen. Normalerweise würde er diese von Hand schleppen. Stattdessen benutzt er hier einfach den Kran. «Das Verursacht keine Zusatzkosten bei dieser Baustelle», sagt der Kranführer. Was zwei Tage gedauert hätte, ist in einem halben Tag erledigt. Ressourcen werden geteilt, weil es für alle schneller und günstiger ist. Nicht nur weil es im Vertrag steht.
Das Bestandsmodell - unbezahlbarer Nutzen
Vor dem ersten Strich im Entwurfsprozess liess konzeptS das gesamte Gebäude laserscannen und modellieren. Das Modell ist millimetergenau, alle Unregelmässigkeiten, schrägen Wände und historischen Details sind darin abgebildet.

Der Fensterbauer bekommt eine vollständige, modellbasierte Fensterliste und offeriert in vier Tagen statt in zwei Wochen. Für ihn bedeutet das: weniger Messaufwand vor Ort, schnellere Kalkulation, klarere Grundlage. Planungsgrundlagen, die sonst mühsam vor Ort erarbeitet werden müssen, sind von Anfang an vorhanden.
«Wir lassen jedes Umbauprojekt scannen - wirklich jedes.»
– Pascal Scheidegger
Der entscheidende Vorteil: Das Modell wird einmal erstellt und steht allen Beteiligten zur Verfügung. Fensterbauer, Metallbauer, Statiker, alle arbeiten auf derselben Grundlage. Koordinationsfehler, die sonst erst auf der Baustelle auftauchen, werden im Modell sichtbar, bevor sie teuer werden.
Offene Abrechnung: Was es wirklich braucht
Die beauftragten Unternehmen, welche beim Projekt Hafnerstrasse zusammen rund 75% der Kosten verantworten rechnen offen ab. Stunden, Material, Ansätze, alles transparent. Keine Pauschalen, keine versteckten Risikoaufschläge, kein klassisches Nachtragswesen.
Pascal hat dafür ein internes Controlling aufgebaut, das Budget und Ist-Kosten laufend abgleicht. Er weiss zu jedem Zeitpunkt, wie viele Stunden der Baumeister, der Holzbauer, der Gipser auf der Baustelle waren. Und er kann gegensteuern, bevor es zu spät ist.
Was dieses Modell erst möglich macht, ist eine Fehlerkultur ohne Schuldzuweisung. Wenn etwas schiefläuft, geht es nicht darum, wer schuld ist, sondern wie es gelöst wird. Auch die zwischenmenschlichen Beziehungen werden aktiv gepflegt, um eine positive Kultur im Projektteam zu etablieren. Dazu hat konzeptS beispielsweise alle Unternehmer zu einem gemeinsamen Weihnachtszmittag auf der Baustelle eingeladen. Nicht nur die Chefs, sondern auch die Poliere und Handwerker, die täglich nebeneinander auf der Baustelle arbeiten.
«Es braucht brutal viel Vertrauen.» - Pascal Scheidegger
Der entscheidende Vorteil: Das Modell wird einmal erstellt und steht allen Beteiligten zur Verfügung. Fensterbauer, Metallbauer, Statiker, alle arbeiten auf derselben Grundlage. Koordinationsfehler, die sonst erst auf der Baustelle auftauchen, werden im Modell sichtbar, bevor sie teuer werden.
Altbau ist nicht planbar. Aber beherrschbar.
Sieben bis acht Farbschichten an den Wänden. Darunter eine leuchtend rote Fassade, die seit Jahrzehnten niemand mehr gesehen hat. Radiatoren, von denen acht von zehn beim Öffnen korrodiert sind. Fenster, die aufgrund denkmalpflegerischer Auflagen nicht einfach ersetzt werden dürfen oder Treppendetails, die nicht normkonform sind, aber normgerecht ertüchtigt werden müssen.
Im Altbau ist Unvorhergesehenes keine Ausnahme. Es ist der Normalzustand. Die Frage ist nicht, ob etwas kommt, sondern wie das Team damit umgeht.
Pascals Antwort darauf ist pragmatisch: ein Bestandsmodell, das Überraschungen minimiert, eine offene Abrechnung, die Kostendruck aus Konfliktsituationen nimmt, und ein Team, das Probleme anspricht, bevor sie eskalieren. Nicht als Schuldfrage, sondern als gemeinsame Aufgabe. Das klingt einfach. Auf den meisten Baustellen ist es das nicht, weil die Vertragsstruktur Zusammenarbeit bestraft statt belohnt. Die Allianz dreht das um.
Was bauvernetzt daraus mitnimmt
Die Allianz funktioniert. Das Projekt wird voraussichtlich ein gutes halbes Jahr früher fertig als geplant. Nachträge gibt es keine. Die Handwerker lösen Probleme, statt sie weiterzuschieben und den Schuldigen zu suchen. Das ist kein Glück – das ist die direkte Folge einer Vertragsstruktur, die Zusammenarbeit belohnt statt bestraft.

Was nicht funktioniert: die Allianz als Methode einzuführen, ohne die Kultur dahinter. Offene Abrechnung ohne echtes Vertrauen ist nur Buchhaltung. Das Vertrauen muss zuerst da sein – und das braucht Zeit, ein gemeinsames Essen, und Leute, die bereit sind, Fehler anzusprechen, bevor sie teuer werden.
Danke an Pascal und das ganze Team von konzeptS, für den spannenden und lehrreichen Nachmittag. Und natürlich für den feinen Apéro.
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