Wenn die Modellqualität nicht reicht: Quality Gates in der Praxis
- Timotheus Widmer

- vor 6 Tagen
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Die Modellanforderungen liegen Vor vor, die Quality Gates sind drin. Dann kommt die Lieferung, das Modell entspricht nicht den Anforderungen, und trotzdem geht das Projekt weiter. Niemand hat die Zeit, die Konsequenz zu ziehen.
Das Muster, das sich wiederholt
Donnerstagmorgen, Koordinationssitzung. Der Fachplaner HLK hat sein Modell am Vortag in das Common Data Environment (CDE) geladen. Der BIM-Koordinator startet die Kollisionsprüfung, 47 Kollisionen, mehrere davon mit der Tragstruktur. In den Anforderungen steht: Modelle mit harten Kollisionen gegen die Tragstruktur werden nicht zur Koordination freigegeben.
Die Sitzung läuft trotzdem. Der Terminplan sieht vor, dass nächste Woche die Werkstattpläne ausgelöst werden, und der Projektleiter sagt sinngemäss: Wir können jetzt nicht stoppen, sonst verlieren wir zwei Wochen. Das Modell bekommt einen mündlichen Vermerk. Die Koordination geht weiter, auf einem Stand der laut Anforderungen nicht hätte verarbeitet werden dürfen.
Drei Wochen später taucht eine der Kollisionen auf der Baustelle wieder auf.
Drei Stellen, an denen es schiefgeht
Quality Gates scheitern an unterschiedlichen Punkten. Das ist der Grund, warum allgemeine Lösungsversuche nicht greifen.
Die erste Stelle ist die Definitionslücke. Der Verfasser der Anforderungen hat eine Vorlage übernommen, die Quality Gates sind formuliert wie im Mustertext: "Vor jeder Phase findet eine Qualitätsprüfung statt." Was geprüft wird, mit welchem Werkzeug, steht nicht drin. Das Gate existiert nominell, aber es lässt sich nicht durchführen.
Die zweite Stelle ist die Umsetzungslücke. Die Anforderungen sind formuliert, aber zu umfangreich für die verfügbare Prüfkapazität. Eine vollständige Prüfung aller Anforderungen würde in einem mittleren Projekt einen erheblichen Teil der Koordinationszeit binden, der so nicht budgetiert ist. Der Koordinator prüft selektiv, und welche Stellen er auswählt, hängt am Einzelnen.
Die dritte Stelle ist die Durchsetzungslücke. Die Prüfung findet statt, der Bericht liegt vor, und dann fehlt in den Anforderungen der Satz, wer auf Basis dieses Berichts entscheidet, ob das Modell weitergeht. Der BIM-Koordinator schreibt "nicht bestanden" in seinen Report. Was daraus folgt, ist offen.
Warum "Verantwortlichkeiten unklar" zu wenig erklärt
Der Satz "die Verantwortlichkeiten sind unklar" stimmt, aber er beschreibt das Symptom. Der eigentliche Mechanismus liegt eine Ebene tiefer.
BIM-Koordinatoren haben in den meisten Verträgen eine Prüfpflicht. Sie haben keine Autorität, das Modell zurückzuhalten, weil nie definiert wurde, was bei Nichtbestehen folgt. Ein technischer Befund "47 Kollisionen" wird zu einer Information, die irgendwo zwischen Fachplaner, Gesamtleiter und Bauherr verhandelt werden muss. Das passiert in jeder Sitzung neu.
Hier hilft die Unterscheidung zwischen zwei Arten von Gates. Geometrische Gates wie Kollisionsprüfung oder LOIN-Compliance (den LOIN Vorgaben entsprechend) sind technisch mit Prüftools prüfbar[1]. Die Frage ist nur: Wer darf auf Basis des Prüfberichts "Stopp" sagen? Prozess-Gates dagegen sind kaum objektivierbar. "Wurde die BIM-Koordination zwischen HLK und Elektro durchgeführt?" lässt sich nicht aus dem Modell auslesen.
Die ISO 19650 verlangt Statuswechsel und definierte Folgen, wenn das Modell nicht besteht [2]. Die Norm beschreibt das Was, sie überträgt das Wie nicht in die Projektpraxis. In diese Lücke fallen Projekte, weil die Anforderungen die Norm zitiert, statt sie zu übersetzen.

Wie damit umgegangen werden könnte
In Projekten, in denen Quality Gates greifen, liegt der gemeinsame Nenner in der Verbindlichkeit der Modelle.
Ein aktuelles Praxisbeispiel: Für ein grösseres Projekte wird der Holzbau, die Baumeisterarbeiten und die Gebäudetechnikinstallationen modellbasiert umgesetzt. Es ist klar definiert, dass die Modelle verbindlich sind. Zum Zeitpunkt x findet ein Modellfreeze statt, die Modelle werden also versiegelt und alle Beteiligten müssen unterzeichnen, dass diese für die Ausführung gültig sind.
Es ist jeweils interessant zu sehen wie die Versiegelung und die Unterzeichnung der Modelle nur schon mit der psychologischen Wirkung positiv zur Modellqualität beiträgt.
Im Falle eines Fehlers der auf der Baustelle festgestellt wird, werden die versiegelten Modelle als Referenz herangezogen und die Fehlerquelle so schnell ermittelt. In einem anderen Projektbeispiel, bei welchem Aussparungen gefehlt haben, konnte so bereits während eines 10 Minütigen Telefonats der Ursprung des Fehlers festgestellt und dem verantwortlichen zugewiesen und schlussendlich in Rechnung gestellt werden.
Ein Quality Gate ohne Folge ist eine Checkliste
Entscheidend ist, ob jemand im Projekt die Autorität hat, auf Basis der Prüfung eine Entscheidung zu treffen und unnötige Iterationen zu verhindern.
Wenn du diese Stelle im BEP konkretisieren willst, lohnt sich der Blick in die SIA 2051, die für die BIM-Rollen klare Beschreibungen liefert. Das BEP muss diese Rollen dann projektspezifisch mit Entscheidungskompetenzen verbinden, sonst bleibt die Norm Papier.
Quellen
[1] Ruhr-Universität Bochum, Institut für Informatik im Bauwesen: BIM-Prüfregeln – https://www.inf.bi.ruhr-uni-bochum.de/iib/forschung/projekte/bim_pruefregeln.html.de
[2] Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung: BIM-Anwendungshilfe Modellprüfung – https://www.fib-bund.de/Inhalt/Themen/BIM_fuer_Bundesbauten/2023-06_BIM_AH_Modellpr%C3%BCfung.pdf
[3] thinkbic.de: Qualitätsprüfung von BIM-Modellen in der Fabrikplanung – https://thinkbic.de/qualitaetspruefung-von-bim-modellen-in-der-fabrikplanung/

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