«Streiten mit gleichen Zielen» – was das Allianzprojekt am Campus Sursee wirklich bedeutet
- Timotheus Widmer

- 21. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 4 Tagen

Thomas Stocker ist ausgebildeter Zimmermann, Baumeister und 20 Jahre lang Führungskraft in Bauunternehmungen, klein und gross. Heute ist er Verwaltungsrat und Geschäftsführer im Bereich Bildung am Campus Sursee. Seit März 2026 dürfen wir ihn bei bauvernetzt zu den Experten im Aufnahmegremium zählen. Trotz seiner Erfahrungen hat er irgendwann entschieden: So will er nicht mehr bauen.
Nicht weil er die Branche nicht mag. Sondern weil er weiss, wie gut sie sein könnte.
Das Projekt
Der Campus Sursee brauchte einen Neubau: eine Ausbildungshalle für Baumaschinen und zehn Schulzimmer. Bezugstermin fix, Mitte August 2025. Das bestehende Gebäude im Betrieb bis Ende Juli 2024. Wenig Vorlauf, klare Rahmenbedingungen.
Was ungewöhnlich war: die Entscheidung, dieses Projekt nach dem Allianzmodell abzuwickeln. Ohne fertiges Leistungsverzeichnis. Ohne klassische Submission. Mit offener Abrechnung auf Selbstkosten für alle Beteiligten.


Was ein Allianzprojekt ist und was es nicht ist
Im traditionellen Modell hat jede Partei ihre eigene Blackbox. Der Unternehmer kalkuliert, offeriert so günstig wie möglich, und hofft dann, dass der Planer genug Fehler gemacht hat, um Nachträge zu generieren. Das ist gemäss Thomas kein Vorwurf, sondern die Logik, die das Vertragssystem erzeugt.
Die Allianz dreht das um. Bauherrschaft, Planer und Unternehmer schliessen einen gemeinsamen Mehrparteienvertrag. Alle rechnen offen ab: Löhne, Material, Gemeinkosten, Margen. Zielkosten werden gemeinsam definiert. Einsparungen und Mehrkosten werden nach einem fixen Schlüssel verteilt.
Am Campus Sursee hiess das konkret: zehn Parteien am Tisch, ein Vertrag, 55 Seiten plus 20 Beilagen. Und jede Partei mit sichtbarer Marge im selben Dokument.
«Das kann man sich nur schwer vorstellen, und doch funktioniert es tatsächlich.» - Thomas Stocker
Wie man zu Zielkosten kommt, ohne Leistungsverzeichnis
Die grösste Unsicherheit beim Einstieg ins Allianzmodell: Wie weiss ich als Bauherr, was es kosten wird, wenn ich noch gar kein Projekt habe?
Thomas Stocker hat das pragmatisch gelöst. Auf Basis eines Vorprojekts, einer Kubatur und einem Gestaltungsplan liess sich ein Kostenbudget von 7 Millionen Franken ableiten. Damit ging er zum Stiftungsrat, nicht mit einem Festpreis, sondern mit einer fundierten Grössenordnung. Die Zielkosten wurden später gemeinsam mit allen Allianzpartnern auf 6,85 Millionen definiert.
Das war kein reibungsloser Prozess. Der erste konsolidierte Kostenentwurf lag fast 2 Millionen über dem Budget, weil nicht alle Beteiligten gleich kalkuliert hatten, Reserven versteckt waren, Materialisierungen noch nicht optimiert. Mit wachsendem Vertrauen konnten diese Reserven identifiziert und eliminiert werden.
Ob das Allianzmodell am Ende wirklich günstiger war als ein traditionelles Vorgehen, lässt sich nicht abschliessend beweisen. Thomas ist überzeugt, dass man mindestens 10% mehr Kosten gehabt hätte. Aber er sagt es selbst: Ein zweites, identisches Projekt zum Vergleich gibt es nicht.

Kollaboration auf der Baustelle, was das konkret bedeutet
Theorie ist das eine. Was auf der Baustelle passiert, ist das andere.
Ein Beispiel: Der Polier legte Leerrohre und Dosen in die Deckenschalung ein, weil er mit seiner Robotikstation ohnehin schon am Einmessen war und das effizienter erledigte als die Installateure, die extra hätten anreisen müssen. Niemand fragte, wessen Arbeit das eigentlich ist. Denn je früher die Baustelle fertig ist, desto besser für Alle.
Oder: Installateure helfen kurz vor Feierabend dem Maurer, ein Geschoss fertigzumachen. Weil es schneller geht.
Das klingt banal. Auf den meisten Baustellen ist es das nicht.
«Zwei Meter auf dieser Baustelle, und man merkt: da ist etwas anderes.» Thomas Stocker
Was das Modell wirklich trägt: Kultur, nicht Vertrag
Die technischen Fragen, Vergütungsmodell, Mehrparteienvertrag, Zielkosten, Risikoverteilung, lassen sich lösen. Das ist gemäss Thomas erlernbares Handwerk.
Schwieriger ist die Kultur dahinter.
Thomas hat von Anfang an in Workshops investiert. Nicht nur mit Führungskräften, sondern auf allen Stufen. Werte, Ziele, Spielregeln, gemeinsam erarbeitet, bevor der erste Spatenstich kam. Nicht-monetäre Ziele wurden definiert und honoriert: Arbeitssicherheit, Qualität, Termintreue, Mitarbeiterzufriedenheit. Ein Budget von 150'000 Franken floss in einen gemeinsamen Topf, der bei Zielerreichung ausgeschüttet wurde.
Das Ergebnis: keine Unfälle, keine Mängelliste bei der Abnahme, Fertigstellung am 25. Oktober 2025.

Was bauvernetzt daraus mitnimmt
Das Allianzmodell ist kein Patentrezept. Thomas selbst sagt das. Es braucht eine Bauherrschaft mit Rückgrat, Unternehmer die bereit sind, ihre Blackbox zu öffnen, und genug Zeit für den Kulturaufbau vor dem ersten Spatenstich.
Was es zeigt: Kollaboration ist keine Frage des guten Willens. Sie ist eine Frage der richtigen Anreize. Wenn der Vertrag Zusammenarbeit belohnt statt bestraft, ändert sich, wie Menschen auf einer Baustelle miteinander umgehen.
Das nächste Projekt am Campus Sursee läuft im traditionellen Modell. Die Hürde, ein Projekt im Allianzmodell ist also nach wie vor sehr gross. Die Initiierung muss momentan stark vom Bauherr durchgesetzt werden.
Thomas’ Fazit: Bauen kann Spass machen. Und am Campus Sursee im Allianz One Projekt hat es das auch.
Mehr zu IPD und Allianzprojekten: SIA Merkblatt 2065 / CAS Allianz am Campus Sursee

Die ganze Folge BIM Kaffi mit Thomas Stocker findest du hier:

Allianz-Umbau an der Hafnerstrasse
KonzeptS führt uns über die Baustelle und erklärt, worauf es bei einem Umbau wirklich ankommt.
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